Selbsterfahrung in der systemischen Beratung und Therapie
Selbsterfahrung in der systemischen Beratung und Therapie
Warum sie unverzichtbar ist – auch dort, wo sie nicht gesetzlich vorgeschrieben ist
Systemische Beratung und Therapie arbeiten mit Beziehungen, Bedeutungszuschreibungen, Mustern und Kontexten. Sie gehen davon aus, dass Wirklichkeit nicht objektiv gegeben ist, sondern in Interaktion entsteht. Wer so arbeitet, bringt sich selbst zwangsläufig als Teil des Systems mit ein. Genau hier liegt der Kern der Selbsterfahrung: Die eigene Person ist kein neutraler Kanal, sondern ein aktiver Wirkfaktor im Beratungs- und Therapieprozess.
Gerade weil viele systemische Beraterinnen und Therapeutinnen außerhalb staatlich regulierter Heilberufe arbeiten – etwa in Beratung, Coaching oder mit einer Heilpraktikererlaubnis für Psychotherapie – stellt sich immer wieder die Frage:
Wie wichtig ist Selbsterfahrung wirklich? Ist sie Pflicht? Und wie viel davon braucht es, bevor man mit Menschen arbeitet?
Was bedeutet Selbsterfahrung im systemischen Kontext?
Selbsterfahrung ist mehr als Selbsterkenntnis und deutlich mehr als „an sich arbeiten“. Im systemischen Verständnis meint sie einen strukturierten, professionell begleiteten Prozess, in dem angehende Beraterinnen und Therapeutinnen sich selbst als Teil von Beziehungssystemen erforschen.
Typische Inhalte systemischer Selbsterfahrung sind:
- die eigene Herkunftsfamilie und prägende Beziehungserfahrungen
- individuelle Rollen, Loyalitäten und Konfliktmuster
- persönliche Werte, Haltungen und blinde Flecken
- Umgang mit Nähe, Distanz, Macht und Ohnmacht
- emotionale Reaktionen auf bestimmte Klient*innen oder Themen
- eigene Grenzen, Belastungsgrenzen und Schutzfaktoren
Im Unterschied zur reinen Theorie oder Methodenausbildung geht es hier um erlebtes Wissen. Selbsterfahrung schafft einen Raum, in dem zukünftige Fachkräfte sich selbst so begegnen, wie sie später anderen begegnen wollen: mit Offenheit, Neugier, Respekt und Reflexionsfähigkeit.
Warum ist Selbsterfahrung für systemische Beraterinnen und Therapeutinnen so wichtig?
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Weil Beratung und Therapie Beziehung ist
Systemische Arbeit findet nicht „an“ Menschen statt, sondern mit ihnen. Jede Intervention ist eingebettet in eine Beziehung. Ohne Selbsterfahrung besteht die Gefahr, dass unbewusste eigene Themen – etwa Harmoniebedürfnis, Kontrollwünsche oder Retterimpulse – den Prozess lenken, ohne dass dies bemerkt wird. Selbsterfahrung hilft, die eigene Beteiligung wahrzunehmen und verantwortlich zu gestalten. -
Weil Neutralität ohne Selbstreflexion eine Illusion ist
Systemische Berater*innen sprechen oft von Allparteilichkeit. Diese Haltung setzt voraus, dass man sich der eigenen Parteilichkeiten bewusst ist. Wer seine eigenen Trigger, Werte und Verletzungen nicht kennt, wird unwillkürlich Partei ergreifen – und es nicht merken. Selbsterfahrung schafft die Voraussetzung dafür, bewusst statt unbewusst parteiisch zu sein. -
Weil Selbsterfahrung vor Grenzverletzungen schützt
Gerade in nicht staatlich reglementierten Feldern ist professionelle Selbststeuerung zentral. Emotionale Verstrickungen, Rollenvermischungen oder unklare Verantwortlichkeiten entstehen selten aus bösem Willen, sondern aus mangelnder Selbstklärung. Selbsterfahrung stärkt die Fähigkeit, Grenzen zu erkennen, zu benennen und einzuhalten – zum Schutz der Klient*innen und der eigenen Person. -
Weil sie Resilienz und Selbstfürsorge fördert
Systemische Beraterinnen und Therapeutinnen arbeiten oft mit hochbelasteten Themen: Konflikten, Traumata, Trennungen, Krankheit, Sinnkrisen. Ohne ausreichende Selbsterfahrung steigt das Risiko von Überforderung, Erschöpfung oder innerem Rückzug. Selbsterfahrung unterstützt dabei, eigene Warnsignale wahrzunehmen und einen tragfähigen Umgang mit Belastung zu entwickeln.
Ist Selbsterfahrung Pflicht?
Rechtlich: Nein – fachlich: eindeutig ja
Für systemische Beraterinnen und Therapeutinnen, die nicht approbiert arbeiten (z. B. Beratung oder Heilpraktiker*in Psychotherapie), gibt es in Deutschland keine bundesweit gesetzlich festgelegte Pflicht zur Selbsterfahrung.
Aber:
Nahezu alle qualitätsorientierten systemischen Weiterbildungen und Fachverbände machen Selbsterfahrung zu einem verbindlichen Bestandteil ihrer Curricula. Sie gilt als Grundpfeiler professioneller Haltung – gleichrangig neben Theorie, Methodik, Supervision und Praxis.
Das bedeutet:
Auch wenn der Gesetzgeber keine Mindeststunden vorgibt, ist Selbsterfahrung in seriösen Ausbildungen kein optionales Zusatzangebot, sondern fester Bestandteil professioneller Qualifikation.
Wie viele Selbsterfahrungsstunden sind sinnvoll oder notwendig?
Eine einheitliche Zahl gibt es nicht – und das ist im systemischen Denken auch folgerichtig. Dennoch haben sich Orientierungsrahmen etabliert, an denen sich Ausbildungen und Teilnehmende orientieren können.
In vielen systemischen Beratungs- und Therapieausbildungen finden sich:
- mindestens 50 Unterrichtseinheiten systemische Selbsterfahrung
- häufig ergänzt durch fortlaufende Selbstreflexion innerhalb der Seminare
- oft kombiniert mit Supervision und Live-Arbeit
Diese Stunden sind in der Regel prozessbegleitend angelegt. Das heißt: Selbsterfahrung beginnt nicht erst „am Ende“, sondern läuft parallel zur theoretischen und praktischen Ausbildung.
Wichtig ist dabei weniger die exakte Stundenzahl als die Qualität des Rahmens:
- professionelle Leitung
- klare Rollen
- freiwillige Tiefe bei gleichzeitigem Schutz
- Anbindung an die eigene Beratungspraxis
Muss Selbsterfahrung abgeschlossen sein, bevor man mit Klient*innen arbeitet?
In der Praxis: nein – aber sie sollte spätestens dann beginnen.
Systemische Ausbildungskonzepte gehen meist davon aus, dass:
- erste Praxiserfahrungen begleitet stattfinden
- Selbsterfahrung und Supervision parallel zur Arbeit mit Klient*innen laufen
- Verantwortung und Komplexität schrittweise steigen
Problematisch wird es dort, wo Menschen ohne Selbsterfahrung und ohne Supervision beratend oder therapeutisch arbeiten – insbesondere im heilkundlichen Kontext. Hier fehlt ein zentrales Sicherheits- und Reflexionsinstrument.
Selbsterfahrung als Haltung – nicht als Pflichtübung
Ein entscheidender Punkt zum Schluss:
Selbsterfahrung entfaltet ihre Wirkung nicht, weil sie „abgeleistet“ wird, sondern weil sie als Teil professioneller Identität verstanden wird.
Viele erfahrene systemische Beraterinnen und Therapeutinnen setzen Selbsterfahrung auch nach Abschluss ihrer Ausbildung fort – in Form von:
- weiteren Selbsterfahrungsseminaren
- Intervisionsgruppen
- persönlicher Therapie
- kollegialem Austausch
Nicht, weil sie müssen, sondern weil sie wissen: Professionelle Entwicklung endet nicht mit dem Zertifikat.
Fazit
Für systemische Beraterinnen und Therapeutinnen ist Selbsterfahrung kein Luxus und kein formaler Pflichtpunkt, sondern ein zentrales Qualitätsmerkmal professionellen Arbeitens. Sie hilft, die eigene Person als Werkzeug bewusst einzusetzen, Klient*innen zu schützen, wirksam zu arbeiten und langfristig gesund im Beruf zu bleiben.
Auch ohne gesetzliche Vorgaben gilt daher:
Wer systemisch berät oder therapiert, sollte Selbsterfahrung nicht als Frage des „Ob“, sondern nur des Wie und Wie viel betrachten.
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